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Blick in die Ausstellung "Joggeli, Pitschi, Globi" Im Landesmuseum Zürich, Foto: © Schweizerisches Nationalmuseum"

Joggeli, Pitschi, Globi – Kinderbuchklassiker im Museum

Wer in der Schweiz von Joggeli, Pitschi oder Globi erzählt, findet ganz sicher Zuhörer: Die drei Genannten sind absolute Kinderbuchklassiker — die einen Zuhörer sind gewiss mit ihnen groß geworden, die anderen sind vielleicht gerade Fans von einer der Figuren. Aber von welcher?

Wer in die gleichnamige Ausstellung im Landesmuseum Zürich geht (hier ein kurzer Trailer), der darf gleich zu Beginn seinen Favoriten verraten: Eine Magnetwand zeigt vier der Lieblinge und je nachdem, an wem das Herz hängt, darf man die Figur mit einem Magnetpunkt verzieren. Ich selber kann mich zwischen Pitschi und Schellen-Ursli nicht entscheiden. Aber es sind zugegebenermaßen die einzigen beiden, die ich in der Präsentation kenne. Also bin ich großzügig und verteile zwei Punkte, für jeden einen.

Kuscheln mit Pitschi

Fast möchte ich wetten, dass es auch manchen Erwachsenen juckt, bei den Mitmachstationen aktiv zu werden. Für die kleinen Besucher gibt es zum Beispiel den Postbus von Globi, fertig zum Einsteigen (es soll gar eine Postauto-Hupe geben, aber die wollte partout niemand drücken). Direkt nebenan hängen die drei Birnen vom Joggeli an einem großen Baum mittem im Museumsraum. “Joggeli söll ga Birli schüttle”, also eigentlich soll dieser Joggeli die Birnen vom Baum holen, aber das klappt im Kinderbuch nicht so recht. Jedenfalls hängen die drei Birnen immer noch am Baum und man kann sie herunterziehen: Drin versteckt ein Lautsprecher … hört selber einmal zu.

Meine persönlichen Lieblinge Ursli und Pitschi haben einen gemeinsamen Ausstellungsraum bekommen: Am Haus vom Schellen-Ursli vorbei steht das riesige Bett, in dem sich das kranke Kätzchen Pitschi nach seinem Ausflug erholen kann. In das Haus vom Ursli kriechen kann man später noch, denn erst einmal muss bei Pitschi alles ausprobiert werden: Im Bett lesen oder darunter? Oder sich besser im Lesesessel verkriechen?

Die Stationen für Kinder sind liebevoll gemacht und dank übergroßer Wanddekorationen können die Kinder in den jeweils einer Figur gewidmeten Ecken ganz in die Figurenwelten eintauchen.

Vom Künstlerbuch zum Bilderbuch

Suzi Pilet, Bildseite für Amadou L’Opinel. Foto: © Editions La Joie de lire, Genève
Suzi Pilet, Bildseite für Amadou L’Opinel

Während es sich die Kinder in Lesehöhlen, -sesseln oder -betten gemütlich machen, informieren kurze Texttafeln über die Geschichte des Kinderbuchs in der Schweiz. Dessen Ursprünge sind teure Künstlerbücher, die sich um die Jahrhundertwende entwickelten. Der Pionier Ernst Kreidolf lithografierte und druckte seine ersten Bilder, die Blumen-Märchen, dank eines Darlehens. Er war Zeichenlehrer einer Prinzessin aus dem Hause Schaumburg-Lippe, die dem Bilderbuch als Mäzenin diente. Das bekannteste Buch aus den Anfängen der Kinderbuchgeschichte aber stammt von Lisa Wenger: Sie entwickelte 1908 die schon erwähnte Geschichte vom Joggeli und damit einen Dauerbrenner, der seit 110 Jahren gedruckt wird. Anfang des Jahres widmete ihr die Universitätsbibliothek in Basel gar eine eigene Ausstellung. Warum aus den über 40 Kinderbüchern von Wenger ausgerechnet das Joggeli bekannt geblieben ist? Vielleicht liegt es am Format: Faulenzer wie den Joggeli gibt es bei den Kinderbuchfiguren vermutlich viele, aber ein überlanges Querformat fällt unter all den anderen Bücher doch viel mehr auf.

Zwischen den beiden Weltkriegen gestalten vornehmlich Werbeabteilungen die Unterhaltung der Kinder. Weniger als zehn Kinderbücher gaben die Verlage selbst im Jahr heraus, denn Farbdruck ist teuer und es gibt kaum Familien, die sich die Bücher leisten können. In dieser Zeit entsteht Globi: Er ist ursprünglich Jubiläumsmaskottchen des Warenhauses Globus. Doch er wird so beliebt, dass ab 1935 Bücher mit ihm als Helden erscheinen.

Die Avantgarde in der Gestaltung übernehmen die Frauen: Im Auftragsverhältnis zu illustrieren ist für sie nicht drin. Die fehlende Bindung an Vorgaben aber ermöglicht es ihnen, neue Techniken einzusetzen und auszuprobieren. Suzi Pilet gestaltet zum Beispiel inszenierte Fotoillustrationen, während Warja Lavater mit Piktogrammen und Leporello-Geschichten experimentiert. “Wer nach eigenständigen Ansätzen und neuen Gestaltungsformen sucht, stößt rasch auf Künstlerinnen,” heißt es im Text zur Ausstellung. Dennoch bleiben jenen Illustratorinnen die großen Erfolge verwehrt.

Durchstart in den Fünfzigern

Nach dem Zweiten Weltkrieg profitieren Schweizer Kinderbücher vom Rückgang des deutschen Verlagswesens. Nun erzielen die einheimischen Werke automatisch mehr Ansprache. In diesen Jahren werden unter anderem Felix Hoffmann, Alois Carigiet und Hans Fischer erfolgreich. Carigiets Zusammenarbeit mit Selina Chönz bringt den inzwischen weltbekannten Schellen-Ursli hervor, Hoffmann illustriert Grimms Märchen mit Schweizer Motiven und Fischer erfindet die vorwitzige Katze Pitschi. Einige seiner Notizbücher mit Skizzen für die Geschichte zeigen, dass er bereits früh die charakteristischen Züge für die Figuren im Kopf hatte. (Apropos Dauerbrenner: Der zugehörige NordSüd Verlag schrieb gerade erst in einer Facebook-Meldung, Pitschi stünde nach 70 Jahren mal wieder in der Schweizer Bestsellerliste.)

Herbert Leupin: Schloss für Dornröschen
Herbert Leupin: Schloss für Dornröschen (1948)

Auf den Schauwänden begegne ich einem Grafiker, den ich wohl aus meiner Kindheit kenne, ohne dass ich je ein Kinderbuch von ihm gesehen hätte: Celestino Piatti. Piatti war Werbegrafiker, der über einen Auftrag für Schweizer Bücher den Deutschen Taschenbuch Verlag kennenlernt, kürzer bekannt als dtv. Mehr als dreißg Jahre lang arbeitete Piatti daraufhin mit dem Verlag zusammen, es entstanden mehr als 6300 Buchcover (absoluter Weltrekord) und dazu Werbemittel. Als deutsches Kind erkenne ich “einen Piatti” genauso gut wie ein Schweizer Kind — ich über die dtv-Titel, die das Bücherregal meiner Tante meterweise füllten, die Schweizer über Bilderbücher oder Lesefibeln, die der Grafiker kontinuierlich weiter gestaltete.

Die Ausstellung endet etwa mit den späten Sechzigern, als die Kinderbücher internationaler und offener werden. Mit Die Reise nach Tripiti gibt es erstmals ein Buch, in dem die Figuren nicht nach einem Abenteuer nach Hause zurückkehren, sondern zu einem ersehnten Ort in der Ferne aufbrechen.

Die Ausstellung ist tatsächlich etwas für Groß und Klein: Während die Kleinen sich mit ihren Lieblingen amüsieren dürfen, fördert die Ausstellung interessante kulturhistorische Details zutage. “Joggeli, Pitschi und Globi” ist noch bis zum 14. Oktober 2018 zu sehen.


Fotos: v.o.n.u. Schweizerisches Nationalmuseum / Editions La Joie de lire, Genève / Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien, SIKJM, Zürich

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