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Liza Cody – Lady Bag

Liza Cody - Lady BagSie ist die Frau ohne Gesicht. Manche beleidigen sie, manche ignorieren sie. Manche geben etwas. Manche nur wegen des Hundes an ihrer Seite. Sie ist eine Pennerin, die genau weiß, wie die Straßen von London riechen. Doch diese abgeklärte Lady Bag war nicht immer eine Baglady. Als eine ganz normale Frau geriet sie in die älteste Falle der Welt und wurde ruiniert. Jetzt will sie nichts mehr, nur die Gesellschaft ihrer Hündin und ihren gewohnten Rotweinpegel. Bis eines Tages ihr persönlicher Dämon ihren Weg kreuzt – mit finsteren Absichten, wie sie aus Erfahrung weiß. Statt sich zu verstecken, beschließt sie ihn zu beschatten: Sie möchte wissen, wo er wohnt. Eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Sie erwacht mit zertretenem Kopf in einem Kranken­hausbett und wird mit einem fremden Namen angesprochen. Anscheinend hält man sie für eine gewisse Natalie Munrow, deren Handtasche sie bei sich hat. Bei erster Gelegenheit nimmt sie Reißaus und taucht ab. Was allerdings gar nicht so leicht ist, wenn man auf der Straße lebt und einem aus allen Zeitungen das eigene lädierte Gesicht entgegenblickt! Dann stellt sich heraus, dass die wahre Natalie Munrow ermordet wurde.

Rezension

Seit Jahren lebt die Lady Bag mit ihrem Hund Elektra auf Londons Straßen. Sie hat eine Vergangenheit als Bankangestellte, die sie eines Tages einholt: Der Mann, dem sie seinerzeit blind vertraut hatte, taucht vor ihr auf, begleitet von einer jungen Frau. Was das bedeutet, ahnt sie mit Unbehagen. Der Mann, den sie nur Satan nennt, hat ein neues Opfer und wird auch diese Frau ins Verderben treiben. Die Lady Bag macht sich daran, die Frau zu warnen. Leider nicht ganz nüchtern und so wird aus der Warnung ein kaum verständliches Gebrabbel. Die junge Frau sucht mit ihrer Freundin einfach nur umgehend das Weite. Ganz so einfach will Lady Bag aber nicht aufgeben und sie bemüht sich darum, den Wohnort der Frau zu finden.

Satan heißt offiziell Gram Attwood und machte einst der Bankangestellten Angela May Sutherland den Hof. Die, blind vor Liebe, begann im Auftrag mit dem Abzweigen von Geldern, um sich den jüngeren Geliebten zu erhalten. Als alles aufflog, wälzte Attwood die komplette Schuld clever auf seine Gespielin ab. Während Sutherland im Gefängnis landete und danach ohne Chance auf einen Neustart zur Lady Bag wurde, machte sich Attwood das Leben weiter schön. Dass sich Attwoods an seiner neuen Geliebten ebenfalls nur bereichern will, ist für Lady Bag folglich keine Frage. Ihr Problem ist es vielmehr, dass sie das Wissen nicht weitergeben kann. Wer glaubt einer vorbestraften Obdachlosen, die die Hälfte der Zeit mit Rotwein verbringt, Tabletten schluckt und mit sich selber spricht?

Mit ihrer Suche nach Attwoods Freundin tritt Lady Bag eine verwirrende Jagd los, bei der sie, die gerne übersehen wird, plötzlich im Mittelpunkt steht. Denn es gibt eine Tote und Lady Bag war in der Nähe. Es gibt einen Wohnungsbrand und wieder ist Lady Bag dabei; dieses Mal kommt sie zu allem Überfluss auch noch ins Fernsehen. Ganz England weiß, welches Gesicht die Polizei sucht. Eine ganze Weile geht das Versteckspiel allerdings gut, denn so genau sehen sich die meisten Menschen die Obdachlosen nämlich nicht an.

Der Roman ist komplett aus der Sicht von Lady Bag geschrieben. Das macht ihn zu etwas Besonderem, denn aus dieser Perspektive gelingt sonst keine Sicht auf das Leben auf der Straße, geschweige denn auf die Gesellschaft. Denn so Rotwein-beladen Lady Bag auch sein mag, dumm ist sie nicht. Sie kann die Menschen, die ihr begegnen, sehr gut einschätzen und profitiert von ihrem ausgezeichneten Geruchssinn. Aber sie ist unter den Beleidigungen und Erniedrigungen hart geworden. Sie lernt eine andere Seite der Menschen kennen, die sich ihr und anderen Randgruppen gegenüber viel zu viel herausnehmen und teils richtiggehend Spaß an Misshandlungen haben. Wohl wissend, dass selbst Polizisten mit Vergewaltigungen und Körperverletzungen davon kommen.

Dafür dreht Lady Bag den Spieß irgendwann um, wahrscheinlich, weil sie kaum etwas zu verlieren hat. In ihren Verhören taumelt sie zwischen Erinnerungslücken, Selbstgesprächen, Gestammel und mutigen Trotz.

„Und hören Sie mal auf, in der Luft rumzukurbeln“, fügte ich hinzu. „Das nervt.“
„Ach, ich nerve Sie?“, schnappte Sprague. „Anderson, übernehmen Sie, sonst muss ich sie erdrosseln.“

Diese Chuzpe hat einfach was. Lady Bags Perspektive macht das Buch absolut lesenswert, sehr glaubwürdig und nachdenklich. Mit einer der treffsicheren Analysen der Lady Bag schicke ich meine Leser zur nächsten Buchhandlung, „Lady Bag“ kaufen:

„Mein Kreis der Hölle war voll mit jungen Frauen, manche davon noch Teenager, kaum aus der Schule. Blanke Inkompetenz hatte sie nach Holloway verschlagen – sei es nun ihre eigene, die ihrer Eltern, ihrer Lehrer oder der Jugendheime. Wie kann ein Mädchen im Alter von dreizehn Jahren eine Süchtige mit Persönlichkeitsstörung sein, die weder lesen noch schreiben kann, wenn nicht viele, viele Leute sie vorher im Stich gelassen haben, die älter waren als sie? Es ist eine Sache, wenn jemand wie ich im Leben am Bodensatz einen gewissen Trost findet – ich bin ja beinahe aus freien Stücken hier. Aber für diese Mädchen ist der Bodensatz der Gesellschaft ihr Ausgangspunkt. Niemand hat ihnen je eine Wahl gelassen.”

Bibliografische Angaben

Verlag: Culturbooks
ISBN: 978-3-94481-856-6
Originaltitel: Lady Bag
Erstveröffentlichung: 2013
Deutsche Erstveröffentlichung: 2014
Übersetzung: Else Laudan, B. Szelinski

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