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Pierre Martin – Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer

Pierre Martin - Madamle le Commissaire und der verschwundene EngländerIsabelle Bonnet, hochdekorierte Leiterin einer geheimen Spezialeinheit in Paris, wäre bei einem Sprengstoffattentat fast ums Leben gekommen. Um sich zu erholen, reist sie in ihren beschaulichen Geburtsort Fragolin im Hinterland der Côte d’Azur. Doch aus der ersehnten Ruhe wird nichts: In einer Villa wird eine halbnackte Frauenleiche gefunden und der Hausherr, ein mysteriöser Engländer, ist spurlos verschwunden. Isabelle Bonnet lässt sich überreden, den Fall zu übernehmen – was bei den Kollegen vor Ort nicht gerade Begeisterung auslöst.

Rezension

Für Isabelle Bonnet beginnt eine neue Zeitrechnung. Nach einem Anschlag auf den französischen Präsidenten, den sie knapp überlebt hat, sucht sie nach Vergessen und einer neuen Aufgabe in ihrem Leben. Den Posten als Chefin einer Antiterroreinheit hat sie abgegeben. Was nun wird, steht in den Sternen. Die Sinnsuche beginnt in ihrem Geburtsort Fragolin, wo der Vater einst Bürgermeister war. Doch ruhig ist es in Fragolin gerade nicht: In der Villa eines Engländers wurde eine ermordete Frau entdeckt, der Besitzer selber ist verschwunden. Bonnet ignoriert den Fall, so gut sie kann, doch als die Ermittlungen von der Gendarmerie an die Police Nationale übergeben werden, kommt sie ins Spiel. Ihr ehemaliger Vorgesetzter macht ihr ein Angebot: Bevor man jemanden aus Paris schickt, könne auch sie den Fall übernehmen, wenn sie ohnehin schon vor Ort sei. Und tatsächlich, Bonnet übernimmt.

Zu Beginn fällt Bonnet der Einsatz natürlich etwas schwer. Sie zweifelt an ihrer Entscheidung, wo sie doch eigentlich nach Abstand von allem gesucht hatte. Sie hat Schmerzen und sorgt sich, weil sie zum Beispiel nicht mehr hört, wenn jemand an sie herantritt oder weil die das Gefühl hat, sich Namen und Fakten nicht mehr richtig merken zu können. Ihre Zeit bei der Kriminalpolizei liegt nach so vielen Jahren Sondereinsatz viel zu lange zurück. Und trotzdem schafft sie schnellere Ergebnisse als die Gendarmerie, nicht zuletzt, weil sie sich selbst ein bisschen was beweisen will.

Auf dem Weg zur Lösung des Falles stehen ihr auf jeweils eigene Art verschiedene Menschen zur Seite. Ihre Kinderfreundin Clodine nimmt sie mit offenen Armen in Empfang, der Bürgermeister Thierry Blès sorgt dafür, dass sie trotz der Arbeit ans Abschalten und Entspannen denkt. “Savoir vivre” lautet sein Credo, mit dem er Bonnet auch privat einfängt. Berufliche Unterstützung erhält sie von Jacobert Apollinaire Eustache, den die Behörde in Toulon wohl oder übel für sie abgestellt hat. Mit dem Archivmitarbeiter Eustache und einem funktionsuntüchtigen Dienstwagen wollte Toulon die frisch gebackene Kommissarin eigentlich so gut es geht an der Arbeit hindern, aber Eustache entpuppt sich als gewitzter Helfer, dessen einziges Problem Jackettknöpfe und Socken zu sein scheinen.

Mit Isabelle Bonnet wird — ähnlich wie in den Büchern von Martin Walker und seinem Chef de police Bruno — ein ansprechender Spagat zwischen Savoir vivre und Polizeiarbeit geboten. In mancherlei Hinsicht ähneln sich die Figuren und ihre Umgebung auch. Allerdings ist Bonnet derzeit diejenige, die mehr Vergangenheit mit sich herumschleppen muss, denn Fragolin erinnert sie auch an den Unfalltod ihrer Eltern, durch den sie Waise geworden war. Paralell zu den Ermittlungen und der Aufarbeitung des jüngsten Traumas rührt sie auch an Kindheitserinnerungen und an den Fakten zu einem Unfall, der zumindest merkwürdig erscheint.

Das Ende verspricht auf alle Fälle eine Fortsetzung. Eustache will auf keinen Fall wieder ins Archiv, Bonnet findet zurück in eine gewisse Normalität und eine Idee für ihre eigene Zukunft hat sie offensichtlich auch. Die verrät sie allerdings nicht; das dürfte im zweiten Band der Fall sein, der irgendwann 2015 veröffentlich wird. So, wie es aussieht, verfolgt der Verlag mit der Verpflichtung von Pierre Martin eine Linie, die gerade schwer im Kommen ist: Autoren schreiben Bücher zu schönen Schauplätzen und bekommen einen Namen verpasst, der nach Urlaub klingt. Unterhaltsam und gut geschrieben ist es allemal; mal sehen, wie lange der Trend hält.

Bibliografische Angaben

Verlag: Knaur
ISBN: 978-3-42642-269-4
Erstveröffentlichung: 2014

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