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Martin Lechner – Kleine Kassa

Martin Lechner - Kleine KassaDer Schlaueste ist Lehrling Georg Röhrs nicht. Doch er hat einen Traum: Liftboy in einem Hotel am Meer will er werden, mit seiner verschwundenen Jugendliebe Marlies den Nachtzug nehmen und aus der heimatlichen Enge fliehen. Als Georg über eine Leiche stolpert und unbeabsichtigt den Schwarzgeldkoffer seines Meisters entwendet, überstürzen sich die Ereignisse: An einem einzigen Wochenende verliert er Wohnung, Arbeit, Eltern, Freunde, Geld, Liebe und vielleicht ein Stückchen seines Verstandes – und doch steht am Ende dieser halsbrecherischen Jagd eine neue, ungeahnte Freiheit.

Rezension

Lehrling Georg lernt im Eisenwarenfachhandel. Sein Chef hat angesichts großer Kaufhäuser wenig Zukunftsvisionen und baut auf seine eigene Art offensichtlich vor: Georg wird mit Koffern zur “Kleinen Kassa“ geschickt und es sieht so aus, als schaffe der Chef fleißig Schwarzgeld beiseite, während er den Lehrling in Personalunion als Chef und Vermieter kräftig ausnimmt.

Eine dieser Übergaben läuft schief, weil Georg, der mit seinen Gedanken uferlos wandern kann, an einer beliebigen Bushaltestelle aussteigt. Alles nur, weil er sich einbildet, „seine“ Marlies würde als Plakatmädchen an der Bushaltestelle Werbung machen. Ab diesem Zeitpunkt läuft Georgs Leben aus dem Ruder.

Bei der Lektüre fühlte ich mich ständig an zwei Dinge erinnert: Erstens den Film Delikatessen (Frankreich, 1991). Müsste ich das Buch verfilmen, bekäme es dieselbe ungesunde gelbliche Optik verpasst. Georg mit seiner Schwäche für Horror-Deko im Zimmer, der mit einer entsprechenden Fantasie seine Träume gerne mal in Blut enden lässt, würde ausgezeichnet zum schlachtenden Hausbesitzer passen. Die Welt überhaupt besteht aus zwei Gruppen Menschen. Eine Hälfte ist einfältig, langsam und neben der Spur und wird infolgedessen zum Opfer der zweiten Hälfte, gerissen und gefährlich schnell, immer auf dem Sprung und bereit zu allen Schandtaten, dem eigenen Vorteil immer auf der Spur.

Zweitens an Kafkas Romanfragment Amerika. Das hängt unter anderem mit Motiven wie Hotel oder Landstreichern zusammen, aber auch mit Handlungsaufbau und Sprache. Lechner macht schöne Beschreibungen und Vergleiche. Und macht dann das, was ich auch an Amerika nicht mochte: Es wird im Prinzip ständig irgendetwas beschrieben, verglichen und geträumt. Ellenlang und unzusammenhängend und manchmal dauert es eine komplette Länge einer solchen Beschreibung, um festzustellen, wie die Fantasiesequenz (sofern es eine ist) in die Geschichte passt.

Man muss den ausschweifenden Stil mögen, sonst verliert man ziemlich schnell die Lust daran. Wenn es mehrere Seiten dauert, bis Georg endlich ans klingelnde Telefon geht, hocke ich schon mit dem Rotstift im Lesesessel und würde lange Passagen gerne um ihre gefühlten Leerinformationen kürzen. Geschichte gibt es vergleichsweise wenig. Die Handlung verschwindet im Wörtergetänzel. Das, was da ist, zeigt sich genauso fragmentarisch wie der über 80 Jahre alte Vergleichstext, der sich mir laufend in den Weg gedrängt hat: Georg sorgt mit gelegentlichen Erinnerungslücken ebenso dafür wie Lechner mit einem offenen Ende.

Dann gibt es noch dazu eine Hauptperson, die so recht keinen Haken bietet, dass ich ihre Abenteuer weiter verfolgen möchte (auch da wären wir wieder bei Amerika). Georg ist unüberlegt, von Anfang an. Als Slapstick taugt er nicht, er ist einfach nur zu dämlich, hilflos und ohne Ziel, taumelt in der Gegend herum und kommt aus der Heide einfach nicht raus. Als Figur, die an einer Aufgabe wächst, funktioniert er auch nicht. Und Mitleid braucht man mit ihm überhaupt nicht zu haben. Denn wer eine ganze Geschichte lang nicht auf die Idee kommt, sich näher mit dem gekidnappten Koffer zu befassen, sondern sich statt dessen lieber mit schwarzem Lack bepinselt, der erntet verdientermaßen nur Kopfschütteln.

Den absurden Wochenendritt von Georg in schöne Worte zu verpacken, ist für mich einfach keine gute Mischung.

Bibliografische Angaben

Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3701744541
Erstveröffentlichung: 2014

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