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Martin Walker – Germany 2064

Martin Walker - Germany 2064Deutschland ist in zwei Welten geteilt: High-Tech-Städte mit selbstlenkenden Fahrzeugen und hochentwickelten Robotern im engmaschigen Netz staatlicher Kontrolle stehen Freien Gebieten gegenüber, in denen man naturnah in selbstverwalteten Kommunen lebt. An der Grenze zwischen diesen beiden Welten wird bei einem Konzert die Folksängerin Hati Boran entführt – angeblich vom neusten Roboter des Wendt-Konzerns, einst mittelständischer Zulieferer der süddeutschen Automobilindustrie. Gleichzeitig findet ein Überfall auf einen Transportkonvoi statt – die Beute sind hochwirksame Neobiotika gegen sich rasend schnell ausbreitende Seuchen. In einem komplizierten Geflecht aus Industriespionage, organisiertem Verbrechen, Tradition und Ethos ermittelt Hauptkommissar Bernd Aguilar. Doch die Lösung des spektakulären Falles bringt auch in seinem Leben eine unerwartete Wendung.

Rezension

Deutschland im Jahre 2064 sieht nur teilweise so aus, wie wir es kennen. Während ein Teil den technologischen Fortschritt konsequent weiter verfolgt hat, zog sich der andere Teil zurück in eine Welt, die keine Technologie verwendet, die moderner ist als aus den 1980er Jahren. Die Sängerin Hati Boran kennen beide Welten; ihr Bruder ist Politiker, sie selbst hat einen weitaus größeren Fankreis aber in den so genannten Freien Gebieten. Als sie während eines Konzerts spurlos verschwindet, kümmert sich Hauptkommissar Bernd Aguilar um den Fall. Eigentlich ist es nicht sein Job, aber da ihre Familie insgesamt recht bedeutend ist, gehen die Vorgesetzten auf Nummer sicher. Zudem wird Aguilar von einem nagelneuen Robotermodell begleitet, das die Arbeit mit raffinierter Technologie erleichtern und beschleunigen soll.

In Martin Walkers neuem Krimi gilt es zwei Dinge zu beobachten. Das Eine ist der Krimi, das Andere die Welt, die er für die Zukunft entwirft. Mit dem Krimi sind wir meiner Meinung nach schnell durch. Der ist nicht besonders spannend und dient mehr als Vehikel für die Darstellung der Zukunftsvisionen und der daraus entstehenden Forderungen. Wer Walker aus den Bruno-Romanen kennt, der weiß, welche Erzählstränge für wen wie enden. Hati wird es gut gehen, Aguilar auch, und dank dessen Arbeit wird auch die ein oder andere politische Entscheidung moderat ausfallen.

Das Zukunftsszenario ist schon von anderem Kaliber. Und da fantasiert Walker nicht wild herum, sondern greift Themen auf, die entweder heute schon existieren. Dazu gehört zum Beispiel das Auftreten multiresistener Bakterien, die von der WHO bereits heute als ernsthafte Bedrohung gewichtet werden. Oder er baut auf Technologien, die heute entwickelt werden und in knapp 50 Jahren durchaus eine vergleichbare Reife erreichen könnten. Aus der Luft gegriffen sind die Ideen nicht: Walker ist Historiker und Journalist und arbeitet als Berater und Zukunftsforscher bei A.T. Kearney — in dieser Funktion hat er auf Basis existierender Berichte gemeinsam mit Kollegen und der Industrie solche Konzepte und Visionen entwickelt. Ein Teil dieser Visionen bildet den Rahmen für diesen Krimi. Das sind beispielsweise die selbstlenkenden Autos, von denen unter anderem ein deutscher Automobilbauer meint, das könne bereits 2030 realistisch sein (O-Ton Walker: Ich darf aber nicht sagen, welcher.) Das sind Implantate, die Menschen in jeder Hinsicht überwachen und Staat und Polizei eine lückenlose Kontrolle ermöglichen. Das sind so weit entwickelte Roboter, dass sie in ihrer neuesten Version auf den ersten Blick kaum von Menschen unterschieden werden können. Das sind Kleidungsstücke, die seit Jahren nicht mehr aus Baumwolle gefertigt werden können, weil dieses Material wegen des nötigen hohen Wasserverbrauchs anderen Materialien gegenüber viel zu teuer geworden ist.

Im Roman kommen auch zahlreiche Überlegungen zu den Konsequenzen zum Vorschein, die sich aus den neuen Lebensmöglichkeiten ergeben. Wenn Menschen wegen Robotern weniger zu tun haben, was tun sie dann? Wenn Menschen mit dem Handy bezahlen, wie entwickeln sich dann Bankgeschäfte und wie Netzbetreiber? Wenn Autos selbstlenkend fahren, welche Logistikvarianten sind dann möglich? Und nicht zuletzt die Frage, wie wir mit Robotern umgehen, wenn sie in ihrem Denken und Handeln immer menschenähnlicher werden können? Den Gegenentwurf bilden die Freien Gebiete, in denen die dort lebenden Menschen bewusst einen Schritt zurück gegangen sind und auf ein hohes Maß an Selbstversorgung setzen und vor allem die dominante Überwachung ablehnen. Auch hier müssen sich die Menschen mit neuen Herausforderungen herumschlagen, denn gegen Kriminalität beispielsweise müssen sie wegen des Überwachungsverzichts andere Wege gehen.

Die aufgeworfenen Fragestellungen sind sehr interessant und zeigen, dass Walker sich intensiv mit Szenarien verschiedener Art auseinandergesetzt hat. Aber um sie zu präsentieren, muss Walker seine Erzählung regelmäßig unterbrechen, um das jeweilige Szenario zu erläutern, mit seinem Ist-Zustand, mit seinem Werdegang. Also liest sich das Buch abwechselnd mal gut, mal schleichend. Der magere, wenn auch vernünftig überlegte Krimi kommt kaum zum Zug (und einige Details fallen am Ende vom Himmel), die Visionen müssen ständig in Wirkung und Wesen aufbereitet werden. Was mich angezogen hat, sind tatsächlich mehr die Zukunftsszenarien, weil sie eben fundiert entwickelt wurden, aber dafür war letztlich doch zu wenig Platz. Um die Handlung wurde schlicht zuviel Zukunftsdrumherum gepackt. Ein Sachbuch wäre am Ende vielleicht doch die bessere Wahl gewesen und den Gerüchten zufolge haben die Angelsachsen die Kunst des unterhaltsamen Sachbuchs ja richtig drauf. Wie wäre es, Herr Walker? Ich mache auch mit!

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-25706-939-6
Originaltitel: Germany 2064
Erstveröffentlichung: 2014
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Michael Windgassen
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