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Meral Kureyshi – Elefanten im Garten

Meral Kureyshi - Elefanten im GartenEine junge Frau, geboren in Prizren, als Kind mit der Familie ausgewandert in die Schweiz. Eine junge Autorin, geboren in Prizren, als Kind mit der Familie ausgewandert in die Schweiz. Und ein Buch, Elefanten im Garten, das mit dieser biografischen Doppelung arbeitet. Unweigerlich verknüpft der Kopf die beiden Figuren miteinander, wenn auch nie mit der Gewissheit, wo die Autorin aufhört und die Ich-Erzählerin anfängt.

Die Erzählerin beginnt mit dem Tod des Vaters. Der Einschnitt in die Familie erzwingt zugleich eine Neuorientierung. Die Familie war bis dato eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich in der fremden Heimat immer Halt gegeben hatte. Nun fehlt der wichtigste Anker für die Erzählerin plötzlich.

“Anders waren wir schon vorher, danach waren wir die Anderen.”

Von da an mändert die Erzählerin zwischen ihren Erinnerungen und Lebensstationen. Sprunghaft, wie Erinnerungen sind, denkt sie an ihre ersten Unterkünfte in der Schweiz, ein Bunker, ein altes Hotel. Der Vater ging 1991 in die Schweiz, als die Lage im ehemaligen Jugoslawien brenzliger wurde; ein Jahr später holte er die Familie nach. An eine klassische Wohnsituation war in jener Lage nicht zu denken.

Die Erzählerin denkt an die Schulzeit, an Pfadilager oder daran, wie sie in Prizren einst bei Mustafa süßes Pulver in verschiedenen Geschmacksrichtungen kaufte. Gleichzeitig spürt sie, wie ihr die Kinderjahre fremder werden. Wird mit den Verwandten telefoniert, fragt sie nur noch mechanisch nach den alten Spielkameraden, weil ihr die Mutter jene Sätze einflüstert, zu denen man ihrer Meinung nach verpflichtet ist.

Dazwischen reist sie selbst nach Prizren, um das Land nochmals zu fühlen und merkt, da ist nichts mehr. Das lebendige Nebeneinander von Türken, Albanern und Serben in Prizren gibt es nicht mehr und die einstigen Kameraden sind fremde Menschen geworden. Die Zehnjährigen, die im Herzen konserviert werden, haben nichts mit den mittlerweile jungen Familienvätern zu tun. Es scheint sich um völlig andere Menschen zu handeln, wenn man einen Lebensweg nicht gemeinsam weiter geht. Weiter zementiert wird die Distanz von den Behörden in Prizren: Der Bruder bekommt seit drei Jahren keinen neuen Pass ausgestellt, weil er, aus einer türkischen Minderheit stammend, kein Serbisch kann.

Zwischen dem Weggehen und dem Ankommen

Die ständig oszillierenden Zeiten- und Erinnerungssprünge ergeben keinen kontinuierlichen Erzählstrang. Die Figur der Erzählerin baut sich aus diesen Bruchstücken zusammen und bleibt etwa so greifbar wie das unscharfe Coverbild des Buchs. Dafür wird deutlicher, dass sie sich in den Jahren in Bern ein neues Leben aufbauen konnte. Sie lernte die Sprache und ackerte sich durch die Anforderungen in der Schule. Zugleich wollte sie nie auffallen. Keiner sollte merken, dass sich die Familie keinen Friseurbesuch leisten konnte, geschweige denn einen Telefonanschluss. Also fantasiert sich das Mädchen die schönen Erlebnisse zusammen, bis hin zu den Elefanten im Garten, die dem Buch den Namen gaben.

Die ausgeprägte Migrationserfahrung setzt sich fort in den Schilderungen des Asylverfahrens, das Jahre um Jahre in Anspruch nimmt. In der Summe dreizehn Jahre, die die Kinder der Schweiz näher bringen, von Prizren entfernen. Aber auch dreizehn Jahre in der Schwebe, aufrecht erhalten über die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligungen. Drei Jahre nach der Einreise müssten sie sich nochmals von allem trennen, weil mal wieder ein negativer Bescheid gekommen war und die Ausreise wohl bevorsteht. Abschied in der Schule, um nach den Sommerferien doch wieder in der Klasse zu sitzen, ohne das Konzept negativer Bescheide bei parallel genehmigten Verlängerungen zu verstehen.

Ein Abschied in Raten

Und doch: Es ist kein Buch über die Migration, das Weggehen und Ankommen. Es ist ein Buch über Abschied, das ist es wohl, doch über den Abschied vom Vater, nicht der von einer früheren Heimat. Ein Abschied von der Familie, die zusammen durch dick und dünn gegangen war und die sich, ohne den Vater, ganz anders zusammen setzt. Die Geschwister werden älter, gehen zunehmend eigene Wege und die Mutter wird ihr fremd. Sie ging die energische Einbindung in das Berner Leben nie in dem Maß mit; bereits die Sprache ist inzwischen zur Hürde für ihre Gespräche geworden.

Aus dem Buch einen Roman über Migration zu machen, schmeckt Kureyshi nicht:

“Es ist, als ob in einem Film ein Hund vorbeispaziert und danach alle nur noch über diesen Hund reden”, sagt sie.

Das erzählte Jahr braucht die Erzählerin, um sich wieder zu fangen und dem Leben ohne Vater eine Richtung zu geben. Die Erinnerungen helfen ihr dabei, mehr nicht. Dass Migrationserfahrungen eine große Rolle spielen, liegt naturgemäß an der Familiengeschichte, dem gemeinsam Erlebten, das sie jetzt ziehen lassen muss. Ab sofort steht sie ganz auf eigenen Beinen.

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