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Michael Theurillat – Sechseläuten

Michael Theurillat - SechseläutenMit dem Sechseläuten treibt man in Zürich den Winter aus. Bei diesem offiziellen Anlass wird eine Mitarbeiterin der FIFA niedergestochen – nur unweit von Kommissar Eschenbach. Neben der Leiche steht zitternd ein kleiner Junge. Hat er etwas gesehen? Was für Eschenbach als spontaner Einsatz beginnt, wird zu einer erschütternden Reise in die Vergangenheit. Der Fall führt Eschenbach zum Weltfußballverband FIFA. Die Tote arbeitete dort im Sekretariat, doch niemand scheint daran interessiert, den Mörder zu finden.

Auch der Junge schweigt, den man an der Seite der Frau fand. Als er endlich zu sprechen beginnt, wird Eschenbach hellhörig, es ist »Rotwelsch«, die Sprache der Jenischen. In den Akten des Hilfswerks Pro Juventute findet der Kommissar eine Liste, die höchster Geheimhaltung unterliegt. Darauf die Namen der jenischen Kinder, die bis 1972 aus ihren Familien »entfernt« wurden. Was ist aus diesen Menschen geworden? Nur so viel steht fest: Alle, die mit der Liste vertraut waren, sind unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Und nicht nur eine Spur führt zur FIFA.

Rezension

Mit dem Sechseläuten des aktuellen Jahres verbindet Kommissar Eschenbach nichts Gutes: Eine Mitarbeiterin der FIFA stirbt vor Ort und Eschenbachs erste Hilfe wird ihm aus unerfindlichen Gründen später um die Ohren gehauen. Unprofessionell und schlecht, heißt es von oben. Der kleine Bub, der bei der Frau gefundnen wurde, spricht seither keinen Ton und so richtig bemühen will sich auch niemand um ihn. Den Höhepunkt der seltsamen Vorfälle bildet die Suspendierung Eschenbachs, nach der die Erzählung in diesem Buch einsetzt.

Bereits rund um die Veröffentlichung des Buchs spielte die Beteiligung der FIFA eine große Rolle in der Presse, der große korrupte Laden, der logischerweise die großen Geheimnisse des literarischen Mordfalls ebenfalls geheim lassen will. Dabei stellt sich für mich nach der Lektüre nun heraus, dass diese Organisation zwar mitspielt, aber ganz sicher nicht die Hauptrolle inne hat. Man vertuscht wohl auf dem Zürichberg und das Ganze wirkt in diesem Rahmen freilich äußerst authentisch, aber so ziemlich jede große Organisation hätte hier eine Rolle übernehmen können. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes als die merkwürdigen Fußballmillionen vom Blatter Sepp.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Schicksale der Jenischen, einer Gruppe von Fahrenden. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden ihnen vom Staat die Kinder weggenommen, zur Adoption vermittelt oder in Heime gesteckt, um sie Stück für Stück zur Seßhaftigkeit zu zwingen. Zimperlich ging man nie vor und da das Verfahren recht lange praktiziert wurde, trifft man in der Schweiz nach wie vor auf die Opfer dieses Vorgehens – sowohl auf Eltern- als auch Kinderseite. Kommissar Eschenbach trifft nun auf aktiv Reisende und Jenische, die wegen der zu befürchtenden gesellschaftlichen Nachteile nichts über ihre Wurzeln bekannt werden lassen wollen und hartnäckig ihre hart erarbeiteten Lebensläufe halten möchten.

“Sechseläuten” bietet einen interessanten, berührenden und vielen Nicht-Schweizern einen bis dato unbekannten Einblick in die Landesgeschichte. Wer die totale Spannung sucht, ist hier falsch bedient. Aber die Geschichte um Charlotte Bischoff beschreibt gut und eindrücklich, welche persönlichen Schicksale hinter einzelnen Menschen stecken und versucht sich ein Stück weit an der Aufarbeitung.

Bibliografische Angaben

Verlag: List
ISBN: 978-3-548-60944-7
Erstveröffentlichung: 2009

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