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Michel Decar – Tausend deutsche Diskotheken

Michel Decar - Tausend deutsche DiskothekenWir schreiben das Jahr 1988, die (damals offiziell noch so genannte) Deutsche Bundesbahn hat gerade eine Weltrekordfahrt mit dem ICE hinter sich und alle bei der Bahn sind vor Begeisterung schier aus dem Häuschen. Mitten in dieser Euphorie sieht ein Erpresser seine große Chance kommen: Mauke, ein Vorstandsmitglied der Bahn, erhält mitten in der Nacht einen Anruf, in dem von belastendem Material gegen einen Maulwurf im Bahnvorstand die Rede ist. Hilfesuchend wendet sich Mauke an den Privatermittler Frankie und beauftragt ihn mit Nachforschungen; Mauke will das Material haben, verdächtige Kollegen hätte er viele.

Was hat Madonna mit Erpressung zu tun?

Madonna hatte zwei Jahre zuvor mit True Blue ihr drittes Studioalbum veröffentlicht, jenes, von dem Kritiker später sagen werden, True Blue habe den Aufstieg zum Weltstar richtig in Gang gebracht. Auf dem Album ist unter anderem der Song White Heat. Vage erinnere ich mich nach einem Ausflug zu Youtube daran, dass ich den früher auch mal gehört habe, aber großen Eindruck hinterließ der Song damals wie heute bei mir wohl nicht. Anders bei Herrn Mauke. Der Song lief in dessen Zuhause rauf und runter und deshalb weiß er sicher: Als der Anrufer sich meldete, lief im Hintergrund genau dieser Song! Der Erpresser muss in einer Disko gewesen sein.

Für Frankie beginnen langwierige Nachtschichten: Er klappert die Diskos rund um München ab, um jene zu finden, in der White Heat gespielt wurde. Irgendwann spannt er zusätzlich einen Studenten ein, doch die Suche bleibt ergebnislos. Doch Mauke ist so verzweifelt, dass dieser Student und Frankie auf Deutschlandtour gehen, in die tiefe Provinz ebenso wie die deutschen Großstädte.

White Heat? Nie gehört!

Ich weiß nicht, was andere Ermittler aus der dünnen Ausgangslage gemacht hätten. Bei Frankie jedenfalls fasert alles aus. Manchmal hat er “so ein Gefühl” und fährt in seinem zucchinigrünen Admiral los. Ohne Ergebnis hinsichtlich Madonna, aber immerhin findet er ganz oft Gelegenheit, zahllose Diskos zu besuchen, ein paar Drinks zu nehmen und vor allem, um zahlreiche Ex-Freundinnen in ganz Deutschland zu besuchen. Mit denen läuft es wie mit den Ermittlungen. Irgendwie, aber nie richtig.

Wer bis dahin durchhält, für den dreht die Story nach 80% Ablauf endlich. Endlich erfährt man, wem Frankie seit Beginn an mit seiner ausufernden Diskosuche das Ohr abkaut (nicht nur den Lesern). Aber die Geduld muss man aufbringen, um nach der relativen Einöde plötzlich in einem Verwirrstück voller Verschwörungen, Industriespionage und Intrigen zu stecken. Um bei der Stange zu bleiben, habe ich beispielsweise versucht, die Diskotheken zu zählen, ohne die Kneipen oder Restaurants mitzuzählen, in denen Frankie Steaks gegessen hat oder sich an einer Wiedergutmachung mit irgendeiner Ex-Freundin zu versuchen. 144 habe ich geschafft, dann habe ich die Übersicht verloren. Was bekommt ihr heraus?

Künstler der Selbstdarstellung

Die Recherchen von Michel Decar zu den Achtzigern sind klasse. All die Diskos, die bei ihm im Buch auftrauchen, gab es 1988 wirklich. Den Opel Admiral gab’s und wer ein bisschen sucht, findet auch wunderbare Bilder davon, welche Farbe das Modell ungefähr hatte. Doch ist dieser Frankie? Fraglos hat er eine große Klappe:

Gerade der Beruf des Privatermittlers setzt ja eine ungeheure Freiheit im Denken voraus, ein ständiges Kombinieren, es ist einer der kreativsten und sensibelsten Berufe überhaupt.

Trotzdem verkauft er sich als Typ, der keine Ahnung hat und wenn etwas schief geht, werden andere dafür verantwortlich gemacht. Frankie ist der Eigendarstellung zufolge einer, bei dem selbst Wasser anbrennen würde. Was macht man nun mit dem Ende? Eigentlich hängt es ja völlig in der Luft … bis einem dieses Zitat wieder in die Finger gerät. Noch eine Disko, noch eine Freundin, keiner kennt White Heat, der Fall Mauke scheint endlos langweilig. Doch Frankie nennt seinen Beruf kreativ und am Ende liegt es an der Kreativität des Lesers, etwas aus der sinn- und verstandlosen Deutschlandtour von Frankie vielleicht etwas anderes zu machen. Plötzlich dreht das Buch nach 100% Ablauf noch einmal …

2 comments

  1. Also so wirklich hat mich Decars Roman nicht überzeugen können. Denn je weiter sich die Disco-Suche ausdehnt, umso ermüdender wurde das Ganze für mich. Da kann auch das Ende nicht viel mehr herausholen …

    1. Jau, das war’s, eine “sinn- und verstandlose Deutschlandtour”. Mir fielen zwar die Wendungen am Ende auf, was die mir aber genau sagen wollten, wurde mir nicht klar. Bis heute ist der Groschen nicht gefallen.

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