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Pepetela – Jaime Bunda, Geheimagent

Pepetela - Jaime Bunda, GeheimagentWas ist die Steigerung von James Bond? Jaime Bunda, Geheimagent! Er ist fett, er ist vertrottelt. Er kann ganz schön gemein sein. Er verwechselt Krimis mit der Wirklichkeit. Er ist Angolas effizientester Geheimpolizist. Seit zwei Jahren sitzt Jaime Bunda, Geheimdienstpraktikant in Luanda, untätig auf seinem dicken Hintern und beneidet seine Kollegen, die Diensthandys und Dienstautos haben und schon gleich nach dem Frühstück Dienstwhisky kippen dürfen.

Nach einem Mord an einem vierzehnjährigen Mädchen wird für die Ermittlung ein besonders einfältiger Polizist gesucht, damit man der Polizei nicht Untätigkeit vorwerfen kann. Jaime Bunda übernimmt seinen ersten Fall.
Mit Feuereifer stürzt er sich in die Aufgabe und tritt in die Fußstapfen seines Idols James Bond. Doch es geschieht genau das, was man eigentlich verhindern wollte: Jaime Bunda findet nicht nur den Schuldigen, sondern versetzt mit seiner Untersuchung auch die gesamte Elite in Luanda in Aufruhr, einer Stadt, in der man leichter eine Kalaschnikow findet als einen ehrlichen Beamten.

Rezension

Seit fast zwei Jahren schon ist Jaime Bunda Mitglied der Geheimpolizei. Er verdient gutes Geld, aber zu seinem Leidwesen nicht mit Ermittlungen, sondern als Praktikant mit Herumsitzen. Bunda gehört zwar dem Namen nach zu einer einflussreichen Familie, aber seinem direkten Vorgesetzten Chiquinho Vieira schmeckt es nicht, dass Bunda von einem Verwandten, dem operativen Direktor, ohne Formalitäten in die Behörde eingeschleust wurde. Das einzige, was Vieira dem unerwünschten Mitarbeiter zuweist, ist also ein Stuhl. Umso erstaunter sind Bunda und alle seine Kollegen, als Vieira den Praktikanten wegen einer Mordermittlung zu sich bestellt und ihn damit beauftragt, den Fall zu lösen.

Jaime Bunda tut dann genau das, was man ihm in der Behörde, dem so genannten “Bunker”, zutraut: Er macht Fehler. Bunda ist mit Kriminalromanen groß geworden, vorzugsweise amerikanischen, und fischt in seiner Erinnerung nach den Methoden der großen Ermittler und den Tricks der Autoren. In Inspektor Kinanga findet er einen passenden Gegenüber. Bunda tritt diesem Ermittler kraft seiner neuen Autoriät ein wenig auf die Füße und fordert bessere Nachforschungen ein, genießt ansonsten aber lieber den Whisky in dessen Büro und den Austausch über Krimiautoren. Dass Bunda tatsächlich einen Anhaltspunkt für eigene Ermittlungen findet, ist eher dem Zufall geschuldet. Aber dafür stürzt er sich umso hartnäckiger in “seinen” Fall.

Pepetela unterteilt die Geschichte in vier Bücher, eines für jeden Erzähler, den er diese Geschichte erzählen lässt. Hin und wieder schaltet sich Pepetela als Auftraggeber dieser Erzähler ein und lässt sich über deren Stil und Ausschweifungen aus oder korrigiert deren Stil. Das klingt komplizierter als es ist. Trotz des Kniffes gelingt eine durchgehende Story, bei der zwischendurch auch eine Nebenperson zu Wort kommen darf und die Angelegenheit aus ihrer Perspektive schildern kann. Auf diese Weise übrigens überblickt der Leser einiges mehr als der Geheimagent selbst. Freilich ahnt auch der Leser nicht alles, aber Bunda geht Schritt für Schritt, erkennt keine Zusammenhänge, rätselt und bekommt sogar mit seinem Arbeitgeber selbst Ärger. Dass Bunda überhaupt ermittelt, ist bereits eine Überraschung, dass er irgendjemandem ernsthaft auf die Pelle rückt, erschreckt den Chef zutiefst. Bundas Verdächtiger hat etwas zu verbergen, aber den Mord hat er nicht zu verantworten.

Pepetela, das Pseudonym des ehemaligen angolanischen Vizeministers für Bildung Artur Carlos Maurício Pestana dos Santos, nutzt das Erzählmittel des Krimis, um über verschiedene Gesellschaftsschichten erzählen zu können. Jaime Bunda selbst hat zwar einen bedeutenden Namen, gehört aber zu einem Familienzweig, der immer weiter an Bedeutung verloren hat. Er selbst lebt in einem kleinen Gartenhäuschen, das die Tante lieber gegen Geld vermietet hätte als einem abgehalfterten Verwandten kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Die Mutter lebt in einer kleinen Hütte, umgeben von Straßen voller Schlaglöcher. Dagegen wandeln Vorgesetzte und sein Verdächtiger auf Diplomatenempfängen, fahren Limousinen mit abgedunkelten Scheiben und leisten sich Badeausflüge ans Meer während der Dienstzeit. Ein anderer Vorteil des Krimis ist das Eintauchen in die Lebenssituation von Immigranten. Sie sind in Angola nicht unbedingt gut gelitten und der Protagonist Said kann wegen korrupter Strukturen leicht übers Ohr gehauen werden. Dass der sich wieder einklinken und bessere Verbindungen knüpfen mochte, liegt nahe.

Jaime Bunda wird einen Fall lösen, wenn auch nicht den, zu dem er den Auftrag hatte und auch nicht so perfekt, wie er es von den meisten seiner Krimis gewohnt ist. Aber sein Erfolg ist zumindest gut für eine bessere berufliche Situation und deutlich mehr Ansehen. Vor allem bei seiner Tante, die ihn inzwischen deutlich freundlicher grüßt. Pepetela zeigt ein Luanda, in dem man sich einiges erlauben kann, wenn man der richtigen Familie angehört, während die Bürger viel improvisieren und von schlecht bezahlten Polizisten ausgenommen werden. Beides läuft teils eng nebeneinander ab, wie Bundas eigene Familie zeigt. Während Bunda beruflich in der regierungstreuen Geheimpolizei einen Schritt nach oben kommt, wird Jaimes jüngerer Bruder künftig für eine Zeitung der Opposition schreiben und die Missstände anprangern, die bei den Beamten des Bunkers einfach geduldet werden. Alleine wegen der Einblicke in das Land ist das Buch schon einen Griff wert, die Karikatur Jaime Bunda ist es allemal.

Bibliografische Angaben

Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20354-9
Originaltitel: Jaime Bunda, agente secreto
Erstveröffentlichung: 2001
Deutsche Erstveröffentlichung: 2006
Übersetzung: Barbara Mesquita

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