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Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Sayaka Murata - Die Ladenhüterin / Rezension zum Buch; Hauptperson: Keiko Furukura, Aushilfe in einem KonbiniKeiko Furukura wächst in dem Wissen auf, dass sie irgendwie anders ist als alle anderen. So genau kann sie es nicht einordnen, aber ihre Ansichten lösen Entsetzen aus. Um Schulkameraden beim Kampf zu trennen, schlägt man sie nun mal nicht mit einer Schaufel bewusstlos, auch, wenn’s natürlich schneller geht als beim Warten auf die Lehrerin. Während ihre Gefühle und Ansichten für sie ganz pragmatisch erscheinen, können weder die Familie noch Freunde nachvollziehen, was in Furukuras Gedanken passiert. Ich habe einen Verdacht, was als Ursache in Frage kommt, aber das wird im Buch nie thematisiert und das ist bereits symptomatisch: Was nicht ganz ins Muster passt, wird lieber nicht aus der Nähe angeschaut.

Schon als Schülerin löst sie das Problem des Aneckens, indem sie sich isoliert und Begegnungen aus dem Weg geht. Eine überraschende Wendung erfährt Furukura, als sie sich spontan in einem neu eröffneten Konbini bewirbt. Konbini, die japanisierte Kurzform für Convenience Store, gibt es an jeder Ecke; sie versorgen die Menschen im Idealfall rund um die Uhr mit zahlreichen Produkten von der Socke über Waschmittel und Kugelschreibern bis zur Menu-Box für’s Mittagessen.

Im Konbini ist alles festgelegt und Handbücher bestimmen die Abläufe für die Angestellten. Furukura lernt, immer zu lächeln, zuvorkommend zu antworten. In den Uniformen verschmelzen sie und die Kollegen zu einer Einheit, die flink und dienstbar einräumt, ordnet und kassiert.

Auf ein leises Klimpern hin wende ich mich um und schaue zur Kasse. Wenn jemand mit Kleingeld in der Tasche spielt, höre ich das sofort, denn in der Regel ist es ein Kunde, der nur schnell Zigaretten oder eine Zeitung kaufen will.

Aus der Aushilfe Furukura wird: die Aushilfe Furukura; fest angestellt wird sie in all den Jahren nicht. Typischerweise ist der Konbini eine Zwischenstation für Studenten, ein Halbtagsjob für Hausfrauen, doch die japanische Gesellschaft erkennt diesen Job nicht als Dauerbeschäftigung an. Für jemanden, der sich also als “zu blöd” erweist, einen “normalen” Joab anzunehmen, braucht man keine Festanstellung. Für die junge Frau aber, inzwischen 36 Jahre alt, ist der Konbini alles. Die Arbeit ist strukturiert und es gibt dank der zahlreichen Vorgaben kaum Raum, um anzuecken.

Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade erst geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.

Furukura nimmt sich die Kolleginnen zum Vorbild, kauft ähnlich ein, kopiert deren Sprechweise. Nicht immer zu ihrem Vorteil: Während Schuhe oder Rücke bei alten Schulkameradinnen und Kolleginnen begeisterte Ausrufe auslösen, beklagt sich die Schwester. Was Keiko Furukura als normale Sprache kopiert, ist in Tonhöhe und Wortwahl eine typische Supermarktstimme, die im privaten Rahmen einfach nur komisch ankommt.

Eines Tages fängt der junge Shiraha im Konbini an. Eine unangepasste Meckerbacke, die über die Gesellschaft schimpft, sich ausgenutzt vorkommt und uralte Rollenverteilungen fordert. Zwar fliegt Shiraha schnell aus dem auf penible Ordnung ausgelegten System, aber die kurze Zeit genügt, um Furukuras fein austarierte Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Sayaka Murata kennt die Konbini aus eigener Erfahrung. Bis Ende letzten Jahres arbeitete sie selber als Aushilfe in einem Markt. Für sie ein Platz der nie versiegenden Inspiration, den sie auf Grund der zunehmenden Fanbesuche allerdings aufgeben musste. Was sie geschrieben hat, ist nicht nur eine feine Beobachtung einer Arbeitswelt, sondern auch eine der Frau in der Gesellschaft. Eine Idee, die auch die deutsche Übersetzung des Titels transportiert. Während das Original “Konbini Mensch” bedeutet, mischt sich im deutschen Titel die feine Nuance zwischen “hüten” und “liegengeblieben” unter.

Meine Schwester hatte mir erklärt, dass es nicht normal war, wenn eine Frau in meinem Alter weder einen ordentlichen Beruf hatte noch verheiratet war.

Keiko Furukura gilt schlicht nicht mehr als gesellschaftsfähig. Zwar nutzt jeder den Konbini und ohne Konbini ließe sich ein Leben in den Großstädten kaum vorstellen, zwar erwartet jeder Kunde einen gewissen Standard in Service und Leistung, doch die Tätigkeit im Konbini gilt nicht als “ordentlicher Beruf.” Ausgerechnet da soll ein Mann wie Shiraha arbeiten? Shiraha wehrt sich mit Händen und Füßen, indem er die Arbeit so lange ignoriert, bis sie von den Kolleginnen übernommen wird.

Die Figur des Shiraha hat, auf gut Deutsch gesagt, einen an der Waffel. Eigentlich nicht verwunderlich, kondensiert sich in ihm doch jedes einzelne unbarmherzige und überholte Geschwätz, das in der Gesellschaft über die Frau zu hören ist. Shiraha ist überzeugt davon, dass weibliche Gehirne anders funktionierten. Er schwafelt von festgelegten Aufgaben und bemüht nahezu vorsintflutliche Gesellschaftsformen, um seine Argumentation zu untermauern. Dabei merkt er gar nicht, wie sehr er der aufmerksamen, flinken und organisationsstarken Furukura unterlegen ist.

Das finde ich einen ganz entscheidenden Punkt: Die Außenseiterin Keiko Furukura ist, aus einer anderen Perspektive aus betrachtet, eigentlich eine Überfliegerin, eine Mitarbeiterin, die den Auftritt im Konbini in jeder Hinsicht perfektioniert und damit das japanische Ideal total erfüllt. Welche Form von “Ladenhüterin” sollte für sie zutreffen?

Es gibt eine Szene im Buch, die das ganze Elend der Geringschätzung deutlich macht. Für mich eine der Schlüsselszenen: Furukura kommt durch Zufall in einen anderen Konbini, der alleine von zwei Neulingen betreut wird. Mit ein paar Blicken erfasst sie die Probleme und hilft. In nur wenigen Minuten sortiert sie um, holt Rückstände auf und berät sogar bei der Regalbelegung. Allein, außer den Konbini-Aushilfen weiß keiner die Fähigkeiten zu schätzen. Genau darin steckt das Dilemma, von dem Murata erzählt. Fähigkeiten eines Menschen sind nur dann wertvoll, wenn sie von anderen erkannt werden, egal, wie ausgezeichnet jene Menschen arbeiten und egal, wo sie arbeiten. Und dieses System der Anerkennung steckt im Gegensatz zur technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung symbolisch noch irgendwo in der mehr als zweitausend Jahre alten Jōmon-Zeit, von der Shiraha immerfort faselt.

Bibliografische Angaben

Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-351-03703-1
Originaltitel: Konbini ningen / コンビニ人間
Erstveröffentlichung: 1999
Deutsche Erstveröffentlichung: 2018
Übersetzung: Ursula Gräfe

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