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Schreibblockade adé: Nutzt die Automatismen von Denkprozessen aus

Teil 3 der litcamp-Session

Bevor ich im dritten Teil der Serie auf zwei mögliche Probleme beim Schreiben eingehe, stelle ich euch eine ziemlich universelle Herangehensweise an viele Herausforderungen vor. Sie funktioniert bei beiden Problemvarianten und – wie ihr erkennen werdet – bei einer ganzen Menge mehr.

Write while you sleep

Auf die Frage nach Schreibtipps gab der Schriftsteller Norman Mailer offenbar immer nur die eine Antwort:

Over the years, I’ve found one rule. It is the only one I give … If you tell yourself you are going to be at your desk tomorrow, you are by that declaration asking your unconscious to prepare the material. You are, in effect, contracting to pick up such valuables at a given time. Count on me, you are saying to a few forces below: I will be there to write.

Super kurz gesagt: Setze dein Unterbewusstsein ein. Es läuft ohnehin ununterbrochen mit. Was liegt also näher, als sich seiner Dienste gezielt zu bedienen? Es ist eigentlich kein Zauber, kein Geheimnis. Man vergisst nur gerne, dass dieser vollautomatisierte Denkprozessor ständig für einen da ist. Der Autor Brian Moreland nennt das Write While You Sleep und er nutzt das bewusst als Technik, um problematische Passagen zu lösen. In der letzten halben Stunde vor dem Schlafengehen befasst er sich mit der fraglichen Stelle und stellt regelmäßig fest, dass es tags drauf deutlich besser läuft – weil das Unterbewusstsein sich während der Nacht ohne Ablenkung ein paar Gedanken dazu gemacht hat.

Klingt das ein bisschen seltsam? Das muss es gar nicht. Auf derselben Grundidee beruht eine Lerntechnik u.a. für Vokabeln: Diejenigen Wörter, die man kurz vor dem Schlafengehen durchnimmt, sitzen in der Regel einiges besser. Ihr kennt den Effekt mit Sicherheit alle auch aus anderen Situationen. Wer sich zum Beispiel im Büro mit einem Problem herumgeschlagen hat, dem fällt unter der Dusche am nächsten Morgen etwas dazu ein. Oder es sind die Momente, in denen man sich auf einem Spaziergang dringend Notizen machen möchte oder beim Essen sprichwörtlich die Gabel fallen lässt, um etwas nachzuschlagen oder aufzuschreiben. Genau in solchen Momenten fallen im Kopf — dank des ununterbrochenen Denkprozesses — Puzzlesteine zu einem Ganzen zusammen und lösen Fragestellungen. Ihr könnt euch also auch beim Schreiben darauf verlassen, dass der Kopf mitwirkt und euch das zunutze machen. Die Technik mit dem Unterbewusstsein hilft ganz sicher bei beiden folgenden Schreibproblemen.

Konzeptlos drauflos

Es gibt Texte, die sind schwer zu packen. Das kann am Text liegen (u.a. wenn er nicht ausgegoren ist oder Bausteine fehlen), das kann an der Tagesform liegen, das kann an der schieren Menge an Material liegen, aus der es den roten Faden zu filtern gilt. Besonders, wem Visualisierung hilft (und das sind viele), der sollte jetzt mit Stift und Papier versuchen, Highlights zu finden, Stichwörter zu notieren, die Ziele des Textes zu definieren und vor allem überflüssige Informationen vom Tisch zu schaffen. Dann bekommt man irgendwann ein Auge dafür, dass von zwanzig offenen Websites rund fünfzehn eine Wiederholung der restlichen fünf sind. Nach ein paar Zeilen bemerkt man auch, was zum geplanten Ziel des Textes passt. Welche Informationen sollen übermittelt werden? Wie soll der Tonfall klingen? Wer wird den Text später lesen? Braucht man Beispiele für etwas und wenn ja, welche passen am besten? Seid ihr euch über solche Details im Klaren, ergibt sich daraus in der Regel auch der rote Faden. Wenn ihr einen roten Faden entdeckt habt, merkt ihr umso schneller, welche Materialien passen, welche nicht und wo gegebenenfalls Lücken sind.

Im einfachsten Fall reichen ein Stift und Papier, Listen gehen ebenso gut wie grafische Umsetzungen. Wenn am Ende alles mögliche umkreist ist, Pfeile quer über das Blatt zeigen und manches fünf Mal unterstrichen wurde, dann habt ihr vermutlich eine Vorstellung davon bekommen, wie es weitergehen kann. Die Visualisierung könnt ihr natürlich auch digital erledigen, vom einfachen Textprogramm bis hin zum Mindmapping-Tool. Das ist Geschmackssache.

Screenshot: Tomatotimer

Um das Problem der “zwanzig offenen Websites” in den Griff zu bekommen, setze ich mir bei manchen Themen hin und wieder ein Zeitlimit für die erste Recherche und schaue, was ich in 25 Minuten an Stichwörtern und Zusammenhängen finde. Sonst besteht die Gefahr, allen möglichen Verweisen zu folgen, die auch noch interessant zu finden und am Ende steht man vor einem Zuviel an Material. Ausgerechnet 25 Minuten sind es übrigens, weil ich dafür den TomatoTimer benutze (wie das funktioniert, wird unter anderem hier erklärt. Streng genommen ist die Pomodoro-Technik nicht so gedacht, wie ich sie nutze. Aber für mich funktioniert es auf diese Weise und manchmal setze ich die Technik ja auch “richtig” ein). Ich kann auch nochmal 25 Minuten dran hängen, aber mehr als zwei Durchgänge erlaube ich mir für die erste Strukturierung nicht. Weitere Recherchen kommen – je nach Thema – automatisch nach, aber die späteren verlaufen natürlich wesentlich gezielter.Fehlt “Plan A”, hilft auch der bereits beschriebene Trick mit dem automatisch arbeitenden Unterbewusstsein. Die Methode “Write While You Sleep” arbeitet am Konzept weiter, sofern die ersten Arbeiten daran passiert und abends ergebnislos wiederholt worden sind. Es funktioniert aber auch tagsüber ganz gut. Wenn es nicht läuft, geht raus aus dem Thema. Schreibt etwas anderes, kümmert euch um eine andere Aufgabe oder macht Pause mit einem Kaffee oder im Wald. Eine Variante der Methode ist es, sich nur mit einem Aspekt des Textes zu befassen. Wenn also beispielsweise eine beeindruckende Interviewpassage vorliegt, die in einem Artikel unbedingt vorgestellt werden soll, dann kümmert man sich zunächst darum. Auch wenn klar ist, dass sie nachher irgendwo mittendrin stehen wird. Sind ansonsten Fakten, Ziele, Ideen und Überlegungen schon einmal durchdacht worden, passiert es oft, dass sich während des Schreibens der rote Faden für den ganzen Rest aufzeigt und wie ein Puzzle zusammensetzt.

Keine Ahnung und davon ganz schön viel

Vielfach ähnliche Probleme zeigen sich, wenn Wissenslücken zu einem Text existieren. Das passiert unter anderem bei komplexen Themen oder nach einem schlechten Briefing. Das Problem ist, dass man erst dann vernünftige Formulierungen und Satzketten findet, wenn man versteht worüber man schreibt. Manchmal hat man trotzdem eine grobe Marschrichtung (wie bei einer Geschichte, deren Grundlagen steht, man nun aber nicht genug über ein medizinischen Problem weiß, das eine wichtige Rolle spielen soll), manchmal fehlt das Konzept gleich mit dazu (weil mangels Knowhow zum Beispiel nicht klar ist, welche Aussagen überhaupt wichtig und nötig sind und was das für den Textaufbau bedeutet).

Der erste Schritt ist folglich, sich das Wissen zu beschaffen. Daran führt kein Weg vorbei. Wenn es Verständnisprobleme gibt und beim Texten hakt, dann hilft euch ein kleiner Vortrag (nebenbei: auch gut, wenn man wissen möchte, ob Passagen flüssig geschrieben sind). Diesen Vortrag haltet ihr euch selbst und erklärt oder lest laut. Es kostet vielleicht etwas Überwindung (und eventuell eine geschlossene Zimmertür), aber es funktioniert. Die Methode kennen wir alle längst vom Lernen: Wir lernen umso besser, je mehr wir das Lernen variieren und verschiedene Aufnahmewege kombinieren. Wir sprechen, hören zu, schreiben, arbeiten mit Farben, schauen Videos, lesen, benutzen Bilder und Grafiken, hören Podcasts oder Lern-CDs. Mit dem Vortragskniff tun wir also nichts anderes, als zu einen Prozess aus reinem Lesen und Schreiben die akustischen Aufnahmewege dazu zu holen und damit unsere Denkprozesse zu verbessern.

Ganz genau wie beim Problem des fehlenden Konzepts hilft uns auch in diesem Fall das Unterbewusstsein weiter. Neben dem “Write as you sleep” und dem aktiven Verlassen des Themas durch Pausen hilft auch hier das punktuelle Schreiben einzelner Textteile. Das hilft, um mit dem Thema warm zu werden und den Text langsam aufzubauen. Je komplexer das Thema umso üblicher ist das auch: Ich weiß von keinem Sachbuch oder wissenschaftlichen Text, der mit dem ersten Satz, der Einleitung bzw. dem Abstract begonnen wurde. Die wurden alle irgendwo mittendrin gestartet. Warum also nicht auch mit fiktionalen Texten oder Blogartikeln?

Warten auf den Kuss der Muse?

Wie zu erwarten, ziehe ich mein Fazit ohne den berühmten “Kuss der Muse”. In den beschriebenen Fällen ist einfach Vorarbeit nötig, um beim eigentlichen Schreiben erfolgreich zu sein. Den Text am Ende wollt ihr haben, nicht wahr? Dann gehört diese Vorarbeit schlicht mit dazu, man muss es sich aber auch nicht unnötig schwer machen. Ihr werdet im Lauf der Zeit sicher merken, dass ihr solche Probleme manchmal habt — dann könnt ihr sie mit diesen Tipps lösen. Manchmal aber werdet ihr die Probleme entweder nicht haben oder, was viel besser ist, gar nicht mehr als Problem wahrnehmen. Denn wenn man für sich diesen Prozess akzeptiert hat, dann laufen solche Arbeiten mit viel mehr Selbstverständlichkeit und Routine ab.

¯\_(ツ )_/¯


Hier alle Links zu den vier Teilen der Session:
Teil 1: Bringt euer Umfeld in Ordnung!
Teil 2: Vom Umgang mit Leere und Masse
Teil 3: Nutzt die Automatismen von Denkprozessen aus
Teil 4: Sucht ihr den perfekten Text oder schreibt ihr schon? Das Finale
Vortragsfolien bei slideshare


 Foto: birgitH (pixelio)

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