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Shizuko Natsuki – Mord am Fujiyama

Shizuko Natsuki - Mord am FujiyamaDas alljährliche Familientreffen der Wadas in deren malerisch gelegener Villa findet ein jähes Ende, als die junge Chiyo blutüberströmt die Teestunde unterbricht und stammelnd erklärt, ihren Großonkel Yohei ermordet zu haben. Die Familie stellt sich schützend vor sie und versucht die Tat zu verschleiern. Doch ist Chiyo wirklich die Mörderin? Die Amerikanerin Jane, zu Gast bei den Wadas, hat ihre Zweifel – und stellt heimlich eigene Ermittlungen an.

Rezension

Jedes Jahr trifft sich Familie Wada in ihrem Landhaus am Yamanaka-See am Fuß des Fuji zum Neujahrsbeginn. Die sonst strikt familiäre Angelegenheit wird ausnahmsweise durch den Leibarzt des Familienoberhaupts Yohei Wada sowie Jane Prescott ergänzt. Die amerikanische Studentin Prescott hilft der jungen Chiyo, eine englische Diplomarbeit fristgerecht abzugeben. Viel arbeiten werden die beiden allerdings nicht, denn Chiyo platzt noch an demselben Abend in die Gruppe und verkündet, sie habe ihren Großvater Yohei ermordet. Yohei war Direktor eines großen, namhaften Pharmaunternehmens und umso mehr ist die Familie bemüht, nun irgendeine Geschichte zu erfinden, die den Ruf der Familie möglichst wenig beschädigt. Eine Mörderin in der Familie passt genauso wenig in das Image wie all die Frauengeschichten, die ans Tageslicht kommen könnten. Die zerbrechliche Chiyo ist der Liebling der Familie und so fällt es keinem schwer, sie mit einer improvisierten Einbrechergeschichte zu schützen.

Jane zieht wohl oder übel mit. Ihr ist klar, dass sie ab sofort unter der besonderen Beobachtung der Familie steht, weil diese nicht einschätzen kann, wie zuverlässig sie eine solche Entscheidung mittragen würde. Nicht nur, weil sie nicht zur Familie gehört, sondern auch, weil sie mit den strengen japanischen Verpflichtungen der Familie gegenüber nicht groß geworden ist. Jane lässt sich nichts anmerken und hilft zunächst mit, der Polizei eine schnell und mühsam zusammengestrickte Geschichte aufzutischen. Sie merkt bald, dass hinter den Kulissen der Familie Wada noch ein anderes Komplott gärt. Die aufmerksame Jane macht sich Gedanken, als immer mehr Ungereimtheiten auftreten und fragt sich, wer aus der Familie sich offensichtlich nicht an die verabredeten Spielregeln hält.

Auch, wenn Natsukis Spitzname “japanische Agatha Christie“ es vermuten lässt, findet zumindest in diesem Buch keine Ermittlung à la Poirot mit kleinen Verhören und vielen Fragen statt. Das Buch mischt die Beobachtungen von Prescott mit dem Nachforschungen von Polizeidetektiv Ukyo Nakazato, der die Ermittlungen im Todesfall Wada leitet. Der Leser erfährt über beide Charaktere unterschiedliche Fakten, die sich gegen Ende zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen. Jane hört des Nachts zu Beispiel ein irritierendes Geräusch, Nakazato beobachtet eine Unregelmäßigkeit bei einer Spur. Nur als neugierige, Fragen stellende Hobbydetektivin betätigt sich Jane nicht.

Allerdings ist das eine Spielart, die recht glaubwürdig wirkt und denen liegen dürfte, die naseweisen Hobbydetektive nicht sehr schätzen. Jane Prescott ist als einzige im Haus unabhängig und gegenüber der Familie unbefangen, sodass ihr Ungereimtheiten auffallen, sodass sie Varianten durchspielen kann, ohne durch Vorlieben oder Erfahrungen beeinflusst zu werden. Der Mord am Fujiyama entpuppt sich als ein raffiniertes, klassisches Komplott, das sich langsam auf seinen Höhepunkt zubewegt. Wer dann Gefallen an Shizuko Natsuki gefunden hat, findet derzeit allerdings nur ein weiteres deutsches Werk von ihr, „Zwei Fremde in der Dunkelheit“.

Die Polizei am Yamanaka-See genießt einen guten Ruf und die Familie ist auf Grund einer spektakulären Verbrechensaufklärung vor einigen Monaten gewarnt, dass bei ihnen auf dem Land keinesfalls bequeme oder wenig hellsichtige Beamte Dienst haben. Einen Hinweis darauf, ob die Wadas sich dabei auch auf ein vorhergehendes Buch beziehen, habe ich allerdings nicht. Trotz der ausgezeichneten Polizeiarbeit (oder gerade deshalb) baut Natsuki in der Dienststelle einen “running gag“ ein: Hauptkommissar Aiura, der seine Auftritte aus Pressekonferenzen über alles liebt, muss während der Ermittlungen mehrfach vor die Mikrofone und jeden gelungenen Schritt präsentieren. Jeder Auftritt ist allerdings damit verbunden, dass er die Meldung vom Vortag revidieren muss, weil der Fall wieder einmal eine unerwartete Wendung genommen hat. Das ist etwas, was Aiura jedes Mal ziemlich besorgt um seine sorgsam aufgebaute öffentliche Wirkung werden lässt.

Natsukis Buch ist zudem aus einem ungewöhnlichen Aspekt heraus interessant. Das Werk wurde nicht direkt ins Deutsche übersetzt (was mit japanischer Literatur in der Vergangenheit immer wieder vorkam). So auch hier: Zunächst erschien „Murder at Mt. Fuji“, übersetzt von Robert B. Rohmer ins Englische, was von Carla Blesgen später ins Deutsche übertragen wurde. Möglicherweise war es günstiger oder aber erschien einfach sicherer, die aufwändige Übersetzung zunächst für einen zahlenmäßig überlegeneren Markt zu machen.

Bei der Übertragung ins Ebook sind an einigen Stellen Erkennungsfehler dabei. Satzzeichen, die nirgendwo hin gehören oder Wörter wie „gebucht“ statt „gebracht“. Das fällt negativ auf, da Printbücher und zeitgleich erscheinende Ebooks in der Regel keine Fehler enthalten, neue Ebooks aus älteren Printwerken allerdings öfter. Das ist zunächst schade, wird sich möglicherweise aber ändern, wenn per Ebook mehr und mehr ältere Werke wieder zugänglich gemacht werden und diese Buchform einen besseren Stellenwert erhält. Dennoch gilt: Dank seines intelligenten Aufbaus und der parallelen Erzählstränge über Jane Prescott und die Polizei weicht dieses Buch vom Standard der Whodunits ab und lohnt sich für eine klassische Krimistunde am Kamin.

Bibliografische Angaben

Verlag: Edel Ebooks
ISBN: 978-3-955-30570-3
Originaltitel: W no higeki / Wの悲劇
Erstveröffentlichung: 1982
Deutsche Erstveröffentlichung: 1991
Übersetzung: Robert B. Rohmer, Carla Blesgen

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