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Shumeet Baluja – Silicon Jungle

Shumeet Baluja - Silicon JungleEs ist ein Glückstag für den jungen Informatiker Stephen Thorpe. Aus Tausenden von Bewerbern ist er ausgewählt worden für eines der begehrten Praktika bei Ubatoo. Ubatoo ist ein Megakonzern: Millionen von Menschen nutzen seine Suchmaschine, verschicken E-Mails über einen Ubatoo-Account, organisieren Termine mit dem Ubatoo-Kalender, kaufen auf Ubatoo-Shoppingportalen ein. Auf Ubatoos Servern sind die Geheimnisse, Gelüste und Sehnsüchte ihrer Nutzer abgelegt. Um an sie heranzukommen, muß man kein Computergenie sein. Es reicht ein guter Draht zu einem ambitionierten Praktikanten. Als Stephen von einem vermeintlichen Datenschützer damit beauftragt wird, die Ubatoo-Datenbanken zu durchforsten, macht er sich bereitwillig an die Arbeit. Doch er hat keine Ahnung, mit wem er sich da eingelassen hat.

Rezension

Stephen Thorpe hat sämtliche Stufen der kalifornischen IT-Welt im Silicon Valley durchlaufen: Erst erfolgreicher Gründer einer Handelsplattform, dann Dotcom-Krise und Arbeitslosigkeit, nun Neustart als überqualifizierter IT-Support in einem Öko-Supermarkt. Eine interessante Chance kommt, als das große Unternehmen Ubatoo zu seiner jährlichen Praktikantensuche aufruft und Stephen auf Zuraten seiner Kollegen dort antritt. Er erhält in der Tat einen der begehrten Plätze und wühlt sich fortan durch riesige Datenmengen, die mit der bestmöglichen Rechnerleistung bearbeitet werden. Seine Aufgabe in der Arbeitsgruppe “Data Mining” ist es, mit Hilfe all der zur Verfügung stehenden Daten Anzeigenkunden bestmöglich zu platzieren. Eines Tages kommt die Anfrage eines Vereins für Bürgerrechte auf ihn zu, die er ehrgeizig anpackt und weit über das Verlangte hinaus erfüllt. Damit löst er ernste Probleme aus, deren Umfang keiner der Beteiligten so richtig begreift.

Ubatoo begann seine Datensammlung als Suchmaschine. Zahlreiche kostenfreie Angebote kamen und kommen nach wie vor dazu, für die deren Nutzer weitere Daten hinterlegten: Email-Konten, Foto-Upload, Kreditkarten, Kalenderfunktionen, Shopping. Unmengen von Daten, die sogar Rückschlüsse auf Leute zulassen, die gar keinen Ubatoo-Service in Anspruch nehmen. Mit diesem Datenmoloch bekommt Stephen zu tun und an Hand seiner Aufgaben begreift der Leser, worüber er sich vermutlich sonst nie Gedanken macht: Was mit seinen Daten passiert und was man damit so alles herausfinden kann. Genau dazu sind die Mitarbeiter des Unternehmens nämlich da. Die Anfrage der Bürgerrechtler jedoch gerät in falsche Hände und bringt am Ende das FBI auf den Plan, das zu retten versucht, was noch zu retten ist.

Datensicherheit ist das zentrale Thema und ganz USA-typisch bilden islamistische Extremisten das Gefährdungspotenzial. Dabei müsste man gar nicht so weit gehen, denn Ubatoo selbst macht eine ganze Reihe von verhängnisvollen Fehlern (für die sie am Ende aber nicht sonderlich gerade stehen müssen). Die Gefahr fängt ganz klein an: Da wäre zum Beispiel die Einführung der Praktikanten in die “Data Mining”-Gruppe. Die Schulung entfällt, die vier fangen direkt an. Stephen hätte sich denken können, dass er keine Daten außer Haus geben darf. Gesagt hat es ihm jedoch keiner.

Der Kunde suggeriert, er habe ein Gespräch mit dem Chef gehabt, sodass Stephen alles abgesegnet wähnt. Womit Problem Zwei auf den Tisch kommt: Keiner der Chefs und Betreuer weiß, was die Praktikanten eigentlich treiben. Sie haben direkten Kundenkontakt, unbeschränkten Zugriff auf alle Daten und werkeln stundenlang vor sich hin. Was Stephen wochenlang gemacht hat, merkt Gruppenleiter Atiq erst, als das FBI vor der Tür steht. Atiq hat’s gut gemeint, Stephen hat’s gut gemeint und wenn beide miteinander geredet hätten, wäre keine Katastrophe dabei herausgekommen.

Deutlich spürbar wird, wie sehr die Mitarbeiter mit der Zeit mit ihren Aufgaben verschmelzen. Vom Gelände kommen sie kaum noch runter, da Ubatoo dafür sorgt, dass fast alles vor Ort ist. Ein faszinierend gut eingerichteter Arbeitsplatz. Dafür aber kommt man bei Ubatoo offensichtlich ganz gut auf das Gelände, sofern man einen Mitarbeiter kennt: Stephen bringt an einem Abend ohne Probleme seine Freundin an die Rechner, die dort für ihre Dissertation recherchieren möchte. Stephen findet das kein bisschen merkwürdig und stutzt nur, als sie ihm erzählt, sie habe ihr Recherchematerial ausgedruckt und mitgenommen.

Bevor man in diesem Fall mit der Lektüre beginnt, sollte man sich kurz anschauen, welchen Beruf der Autor hat: Chefentwickler bei Google. Man wird nie das Gefühl los, dass Baluja gleichzeitig zu seiner Geschichte möglichewerweise auch erzählen will, dass bei Google alles ganz anders ist, als bei Ubatoo. Denn die Parallelen sind letztlich unübersehbar und das war, abgesehen vom Doppel-O im Firmennamen, sicher auch gewollt. Insgesamt wäre es deshalb auch ohne Terroristen gegangen; spannend wäre schon alleine die Frage, wie die Probleme für Menschen wie Du und Ich ausgesehen hätten, die bereits der Ubatoo-eigene Umgang mit den Daten verursachen kann. Die Spannung bleibt mittelprächtig; dafür ist es ausgesprochen interessant zu lesen, wie die Filter und Analysen funktionieren und wie die Unternehmen des Silicon Valley ticken.

Bibliografische Angaben

Verlag: Suhrkamp Nova
ISBN: 978-3-518-46301-7
Originaltitel: The Silicon Jungle
Erstveröffentlichung: 2011
Deutsche Erstveröffentlichung: 2012
Übersetzung: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel

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