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Tanja Weber – Oberland

Tanja Weber - OberlandDas gute Essen, die schöne Natur, die zufriedenen Menschen – Johannes Stifter fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat. Als Postbote zieht er seine Kreise. Doch allmählich schwant ihm, dass hier etwas nicht stimmt. Hinter den hohen Hecken verwildern die Gärten, und der Putz bröckelt von den Villen. Die Bewohner meiden Stifter, allen voran Gudrun von Rechlin. Würde man es einer Dame von Welt zutrauen, eine Geisel in ihrem Keller gefangen zu halten? Würde man von einem Zahnarzt erwarten, dass er einen betrügerischen Finanzberater kidnappt? Würde man denken, dass der Tod mit scharfer Sense durchs Oberland geht? Ein packender Krimi, der erzählt, wie Menschen nicht nur ihr Geld, sondern ihre Werte verlieren. Und ein Fall, den Stifter nur mit Hilfe des alten Kommissars Thalmeier lösen kann.

Rezension

Nach einer aufwühlenden Zeit in Germerow bei Berlin ließ sich Postbote Stifter nach Bayern versetzen. Im kleinen Lohdorf will er zur Ruhe kommen und nicht mehr daran denken, dass man ihn erst vor kurzem noch einen Mord anhängen wollte. Doch ganz so ruhig ist es auch auf dem bayrischen Land nicht. Der in Germerow ermittelnde Kommissar Thalmeier wohnt inzwischen ganz in der Nähe und hält verblüffenderweise gerne Kontakt zu Stifter. Außerdem gibt es merkwürdige Leute dort, ausgerechnet im friedlich erscheinenden Villenviertel, in dem Stifter seine täglichen Touren beginnt.

Auf seinen Posttouren beobachtet Stifter unter anderem, was im Haus von Gudrun von Rechlin vor sich geht. Stifter spürt instinktiv, dass die alte Frau eine sehr garstige ist, aber was im Haus passiert, ahnt er nicht einmal ansatzweise.

Was ihn überkommt, ist ein immer unbehaglicheres Gefühl, als sich komische Beobachtungen häufen: Wie die alte Frau mit ihrer Tochter umgeht, wie sie mit ihm umspringt, wie schlecht es Gudruns Tochter Annette geht, wie Besucher an der Türe behandelt werden oder wie andere seltsame Besucher eingelassen werden. Thalmeier und vor allem Noah, einer der Söhne von Stifters Vermieter Andreas Lanz, sind da viel neugieriger auf Frau von Rechlin als Stifter selbst.

“Oberland” ist schon ein Krimi, aber keiner, in dem Stifter ermittelt. Der hält sich aus allem nach Möglichkeit raus und will eigentlich seine Ruhe haben. Er wird zwar zur zentralen Figur, als es auf das Finale zugeht, aber eigentlich zeichnet ihn das aus, was vielleicht öfter gebraucht würde: Instinkt und Nachbarschaftshilfe. Dieser Instinkt sorgt letztendlich dafür, dass Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Die große, negative Figur ist Gudrun von Rechlin, die zu Beginn “nur” wegen eines fehlgeschlagenen Bankgeschäfts verzweifelt erscheint, von der aber bald klar wird, dass sie eigentlich eine zutiefst verbitterte und stets mit allem und allen unzufriedene Egoistin ist. Sie treibt keifend und kalt alles in den Abgrund, was ihr nicht genügt. Damit unterscheidet sie sich maßgeblich von allen anderen Bank-Geschädigten, von denen es im Buch fast schon wimmelt.

Es gibt Anspielungen auf die Vergangenheit von Gudrun von Rechlin und ihrem Helfershelfer, der sich irgendwann bei ihr einfindet. Was genau während des zweiten Weltkriegs passiert ist, wird nie eindeutig erläutert; es bleibt Platz für Ahnungen, die vom Leser selbst mit den heutigen Ereignissen kombiniert werden müssen.

Es ist ein vergleichsweise ruhiges Buch, wobei ich allerdings die Bankenkritik nicht gut umgesetzt finde. Von Rechlins Aktion passt nicht zu einer so berechnenden Person. Auch ihr Mitstreiter scheint mir fehlbesetzt. Würde er tatsächlich jemals so etwas tun? Trotz der bevorstehenden Pleite wirkt der avisierte Lösungsansatz viel zu übertrieben. Aus der Realität klinkt sich auch Petrus Markaris mit seinen Krisen-Krimis aus, aber er betreibt es spürbar als Symbolik und damit wieder ohne Bauchgrimmen lesbar.

Bibliografische Angaben

Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-351-03521-1
Erstveröffentlichung: 2013

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