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Zürich liest: Petra Ivanov im Unionsverlag

Wer täuscht wen?

Eine Stippvisite mit Petra Ivanov in Thailand

Wann hat man schon mal das Glück, dass einem drei Verlage gleichzeitig ihre Türen öffnen? Dann, wenn alle drei Verlage dieselbe Adresse haben. Seit Januar 2016 residieren der Verlag Nagel & Kimche, der Dörlemann Verlag und der Unionsverlag in Zürich in demselben Altbau im Stadtviertel Hottingen. Und alle drei nutzten das Literaturfestival Zürich liest für einen Tag der offenen Tür. Selbstverständlich stellte jeder Verlag einen seiner Autoren mit einer Lesung vor. Mich zog es Richtung Spannungsliteratur, in diesem Fall hieß das: Unionsverlag, der Verlag mit den Büchern im Farbenrausch.

Die letzte Lesung gab dort am Nachmittag Petra Ivanov. Sie gehört seit 2005 mit der Flint/Cavalli-Reihe zum festen und konstant beliebten Krimirepertoire der Schweiz und legt seit einigen Jahren mit neuen Ideen nach. Dazu gehören u.a. Jugendbücher und Kurzkrimis sowie seit 2011 ein Spinoff der ersten Serie: Jasmin Meyer, eine ehemalige Mitarbeiterin von Cavalli, bekommt mit Pal Palushi an ihrer Seite eine eigene Reihe, in der Ivanov einen neuen Erzählmodus entwickelt.

Petra Ivanov - TäuschungDer neueste Band Täuschung erschien in diesem Jahr beim Unionsverlag – was lag also näher, als sie zur Lesung nach Hottingen zu bitten? Der Platz dazu fand sich im Büro des Verlegers Lucien Leitess. Im diesem Fall bedeutete es, dass alle recht zusammenrückten, um immer mehr Besuchern Platz zu schaffen. Der Weg zum kleinen Erker mit Tisch und Stuhl allerdings war fast schon zugebaut, als die Autorin sich ihren Weg durch die Stühle bahnte. Mehr als vierzig Leute saßen im Raum und einige standen dazu in der Tür und davor. Ein Raum übrigens, der für Petra Ivanov eine gewisse Bedeutung hatte, denn hier bekam sie ihre allererste Rückmeldung zu Täuschung.

Ivanov führte zu Beginn kurz in ihre beiden Serien ein und erzählte zunächst, warum Jasmin Meyer eine eigene Serie bekommen hatte. Nach dem fünften Band der Flint/Cavalli-Reihe nämlich sei sie immer wieder auf Meyer angesprochen worden. “Das hat mich darin bestärkt, diese Figur weiter zu begleiten,” befand sie. “Außerdem war es eine großartige Idee, weil ich ganz andere Geschichten erzählen konnte als bisher. Flint und Cavalli können kaum aus den Zürcher Strukturen ausbrechen, aber Jasmin Meyer und Pal Palushi können nicht nur aus Zürich heraus, ich kann sogar ganz andere Geschichten erzählen. Die beiden sind schließlich “nicht an standardisierte Abläufe in der Ermittlungsarbeit gebunden.”

Was aber erzählt sie nun genau von ihrem neuen Buch auf der Lesung? Eine Frage, das sie als Krimiautorin besonders beschäftigt: “Es ist eine Herausforderung, Szenen für eine Lesung zu finden,” meinte Ivanov. “Ich muss die Spannung erhalten, soll den Erzählstrang ein bisschen offen legen, darf gleichzeitig nicht zu viel vorweg nehmen und schon gar nichts Verräterisches unterbringen!” Ganz ungefährlich in dieser Hinsicht ist die erste Szene, die den eigentlichen Auslöser der Geschichte schildert: Mutter Edith lädt ihre Kinder Ralf, Berni und Jasmin zum Nachtessen ein, berichtet vom Tod des Großvaters und davon, dass die Familie jetzt ein Haus erbe. Doch Jasmin fällt auf, dass in der Erbreihenfolge jemand fehlt: der Vater Erwin nämlich. Der hatte die Familie zwar vor vielen Jahren verlassen, aber ihm stünde das Haus zu. Nur, wo ist der Vater?

Jasmin macht sich mit Pal Palushi auf den Weg nach Thailand, wo man ihren Vater zuletzt gesehen hatte. Sie fragt in der Gemeinschaft der Auslandsschweizer herum und merkt bald, dass ihre Fragen jemandem nicht gefallen. Die zweite Szene für die Lesung spielte folglich auf einer der Touren und bringt die beiden Reisenden in eine schwierige Situation. Langsam wird klar, wie vielsagend auch der Titel ist: Wer täuscht wen? Wer täuscht sich vielleicht in jemandem?

Zürich liest: Petra Ivanov im Unionsverlag

Im anschließenden Gespräch verriet Petra Ivanov viel über die Entstehungsgeschichte des Buchs und ihre Arbeitsweise. Als die Idee für Täuschung kam, begegneten ihr in den Medien gerade viele Geschichten über Schweizer im Ausland und Thailand ist eines der Ziele, an denen viele Schweizer gerne ihre Rente verleben. Warum also nicht auch Erwin Meyer? Rund zwei Monate war Ivanov selbst in Thailand unterwegs, eine Zeit, die sie intensiv vorbereitet hatte. Sie schrieb mehrere Altersresidenzen an und fragte nach Schweizer Heimleitern und Rentnern, die ihr Fragen zum Leben in Thailand beantworten würden. Ist es so schön, wie die Leute denken? Was für Erlebnisse machen sie, welche Mentalitäten treffen aufeinander oder welche Freundschaften ergeben sich? Aus den Antworten ergab sich dann die Geschichte von Erwin.

Recherche vor Ort fügt den Plot zusammen

Ivanov erzählte, dass sie in Thailand entsprechend ihren Erlebnissen die Geschichte von Erwin weiter entwickeln konnte und schrieb; sie verriet aber auch, dass sie Ende trotzdem nicht kannte. “Ich habe mich in Thailand beim Schreiben an meinem eigenen Erleben orientiert,” schilderte sie. Was sie aufbaute, war zunächst die Geschichte von Jasmin, die den Spuren ihres Vaters folgt und Details in Erfahrung bringt. Dieses Vorgehen war für sie das plausibelste, denn so wie Jasmin erlebte auch sie alles neu, alles zum ersten Mal, alles ohne Vorkenntnisse.

Erst zurück in Zürich habe sich die Geschichte vollständig zusammen fügen lassen. “Ich plane nicht. Es gibt Leute mit ausgefeilten Tabellen und Charakterstudien, aber so kann ich nicht arbeiten,” sagte Ivanov. “Ich schreibe so, wie das Buch am Ende gelesen wird, also fortlaufend.” Beim Schreiben ergäben sich folgende Szenen automatisch aus den vorigen. Bei ihrer Rückkehr aus Thailand brachte sie etwa das halbe, spätere Buch und einen Haufen Notizen mit zurück in die Schweiz.

Etwa sechs Monate benötigt Ivanov für ein Buch. Mehr als vier Stunden am Stück aber habe sie selten Ruhe daheim. “Ich bin ja ständig unterwegs,” meinte sie. “Also schreibe ich zum Beispiel auch im Zug. Trotzdem versuche ich, bestimmte Arbeiten in einer möglichst kurzen Zeit am Stück zu konzentrieren.” Kommt dazu, dass sie vieles gleichzeitig macht: Für einen Roman recherchieren (was schon mal ein Jahr dauern kann), einen anderen schreiben und einen dritten korrigieren. Und dazu auf Lesereise sein. Für die Jugendbücher ist sie oft in den Klassen der Oberstufe unterwegs und für die Krimiserien sowie die Kurzkrimisammlungen auf Literaturevents und bei Lesungen. Trotz ihres Erfolgs gilt: “Alleine von den Verkäufen kann ich leider nicht leben. Ich bin auf Lesungen angewiesen,” bilanzierte sie.

Das Reisen wird Petra Ivanov noch lange begleiten — keine Serie ist über eine bestimmte Anzahl Folgen konzipiert und solange sie einerseits Ideen hat und andererseits das Interesse, ihre Figuren zu begleiten und zu entwickeln, werden Cavalli, Flint, Meyer und Palushi noch eine ganze Weile zur Schweizer Krimikultur gehören.


Fotos: Zürich liest; Bettina Schnerr

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