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Yael Inokai – Mahlstrom

Yael Inokai - MahlstromIrgendwo in den Bergen findet man Barbara leblos im Wasser. Anfang Zwanzig erst ist die junge Frau, die mit Steinen beschwert in den Fluss stieg, wohl wissend, dass spätestens ein gefährlicher Sog unterhalb des Felsens sie hinunterziehen und nicht mehr freigeben würde. Der Selbstmord reißt ein ungewohntes Loch in die Gemeinde. In verschiedenen Rückblenden erinnern sich ihre Kinder- und Jugendfreunde an Barbara; sie grübeln, wie es eigentlich gewesen ist, das Mädchen, das von den anderen als ihre Freundin bezeichnet wurde und die doch nicht so recht dazugehört hatte.

Ein Puzzle aus Drangsalierungen

So unklar die Erinnerungen an Barbara sind, so klar sind die Elemente, die alle Erinnerungen vereint: Im Dorf herrschen rauhe Sitten und jeder lässt es zu. Ob aus Gewohnheit, dem Unwillen, einen ersten Schritt zu tun oder Angst? Das kommt nicht ans Tageslicht, doch je mehr Schichten in den Erinnerungen freigelegt werden, umso deutlicher wird, dass genau diese stille Akzeptanz die Keimzelle dessen wird, was später vorfällt.

An den Waden gepackt und kopfüber wie ein Sack Kartoffeln ausgeschüttelt zu werden, gehörte zur Kindheit wie das Verlieren der Milchzähne.

Gegen die ewig gärenden Drangsalierungen gehen weder Lehrer noch Eltern vor. Der Schulhof ist “vermintes Gelände”, da dürfte so manches auch kaputt gegangen sein, ohne dass jemand das jemals in Frage gestellt hätte. Gewalt ist so selbstverständlich, dass Jugendlichen denn auch nichts anderes einfällt, wenn sie mit sich selbst nicht mehr zurecht kommen.

In diesen Schmelztiegel, nicht umsonst von der Außenwelt abgeschirmt durch Serpentinen am Hang, kommt Yann mit seiner Familie aus der Stadt. Alleine das ist schon Grund genug, die Familie nicht zu mögen. Obendrein ist es eine Familie, die offenbar sehr freundlich miteinander umgeht. Nora beschreibt einmal, dass Yanns Eltern die einzigen Erwachsenen waren, die sie je im liebevollen Umgang miteinader erlebt hat.

“Wir wollten ihm eine Lektion erteilen.”

Was passiert, ist schrecklich vorhersehbar. Die Lektion artet aus und hinterlässt ein körperlich lebenslang gezeichnetes Opfer. Das Dorf rückt zusammen und gibt den Tarif aus: Stillschweigen. Ich nenne es Erpressung.

Mit den Erinnerungen an Barbara zeigt Yael Inokai schmerzhaft auf, wie sich die ewig akzeptierte Gewalt unter den Kindern wie Nervengift in den Köpfen eingelagert hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der aufeinander eingeprügelt wird, lässt keinen Platz für Mitgefühl, für Reflektion, für Reue. Als Barbara beerdigt wird, fehlt jene Familie unter den Trauernden, die unter der unkontrollierten Gewalt der Kindergruppe gelitten hat. Da kann Barbaras Bruder schon nicht mehr wahrhaben, dass er ausgerechnet von ihnen keine Anwesenheit einfordern kann. Er akzeptiert auch nicht, dass andere Dörfler die Kinder von damals längst als “Bande” einschätzen.

Wer von Freiheit auf dem Land träumt, übersieht schnell die gesellschaftlichen Zwänge und die überwiegende Intoleranz gegenüber etwas “Anderem”. So, wie es Yanns Familie passiert ist. Und man übersieht, wie langlebig die asozialen Komponenten selbst solche Dramen überleben. Mir hat mal jemand gesagt, “Dorf muss man können” — am besten, man sei in einem geboren und kenne die Widernisse.

Inokai schreibt von den latenten Bosheiten in einer präzisen Sprache, dass man ewig am Markieren ist. Das Buch ist dünn und steckt doch voller kleiner Widerhaken, die fest heben und mit ihrer exakten Wahl von Worten und Szenen zeigen, wo all die gefährlichen Strömungen in den Köpfen liegen.

Bibliografische Angaben

Verlag: Edition Blau (Rotpunktverlag)
ISBN: 978-3-85869-760-8
Erstveröffentlichung: 2018

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